Unsere Büro-Weihnachtsfeier ist eigentlich immer ein absolutes Highlight der Vorweihnachtszeit: Alle Kollegen sind gut drauf, weil der Weihnachtsurlaub unmittelbar bevorsteht, der Glühwein fließt in rauen Mengen, es gibt ein Überangebot an selbst gemachten (und selbst gekauften) Weihnachtsleckereien, den ganzen Nachmittag und Abend dröhnen kultige Weihnachtshits aus den Boxen, es wird entspannt geplaudert, gelacht, getanzt. Mit anderen Worten: es sind die schönsten Büro-Stunden des Jahres.
Heute Morgen war ich mir aber gar nicht sicher, ob ich überhaupt zur Feier bleiben sollte. Denn dort würde ich Eric definitiv nicht aus dem Weg gehen können und auf eine Szene vor versammelter Kollegenschaft hatte ich natürlich keine Lust.
Aber dann hat der Trotz in mir die Oberhand bekommen: Ich würde mir ganz sicher nicht von diesem falschen Fuffziger die Weihnachtsstimmung verderben lassen.
Also habe ich meinen allerkitschigsten Weihnachtspulli angezogen, die passenden Ohrringe reingemacht, eine ordentliche Portion Weihnachtsparfüm aufgetragen, zwei Tüten mit selbst gemachten Plätzchen in die Arbeitstasche geschmissen und mich in den Kampf gestürzt.
Dass das heute alles andere als ein gewöhnlicher Arbeitstag werden sollte, hat sich bereits am Eingang angedeutet: Die Garderobe hing voll mit goldenen und silbernen Girlanden, an der Tür prangte ein überdimensionaler Weihnachtskranz … und daneben stand ein lebensgroßer, unermüdlich „Ho ho ho, Merry Christmas!“ rufender Santa Claus.
Als ich die Tür öffnete, kam mir entspannende Weihnachtsmusik entgegen. Es roch nach Kaffee und Lebkuchen. Und überhaupt war unser Büro nicht wiederzuerkennen: Von der Decke hingen unzählige Lichterketten, auf jedem Schreibtisch stand ein kleiner Weihnachtsstern im roten Topf, vor den mit Kunstschnee besprühten Fenstern standen Lichterbögen mit echten Kerzen.
Und in der Mitte dieser ganzen Weihnachtsdekopracht stand eine wunderschöne, wuchtige Nordmanntanne – eigentlich viel zu groß für unser Büro.
Ich musste mich erst einmal setzen, um diese überwältigende Weihnachtsextravaganz auf mich wirken zu lassen. Sonst hatten wir nur einen Adventskranz und einen etwas in die Jahre gekommenen Plastikbaum – den immer ich in letzter Sekunde aufstellen und schmücken musste, weil es sonst keiner machen wollte.
Die meisten Kollegen schienen sich schon sattgesehen zu haben und saßen mit ihrem Kaffee an den Rechnern. Eric war noch nicht aufgetaucht.
Ich sah noch einmal zu dem Prachtexemplar von einer Weihnachtstanne hinüber, als mein Blick auf jemanden in giftgrünem Zottelpulli fiel, der letzte Hand an den Christbaumschmuck legte. Ich dachte noch, dass ich mich dieses Jahr wohl mit dem zweiten Platz beim Ugly-Sweater-Contest begnügen muss, als der Kollege mit Zottelpulli hinter dem Baum hervorkam. Da sah ich erst, dass es ein Ganzkörper-Anzug war: zottelige Hosenbeine, zottelige Handschuhe, zottelige Mütze, grüne Maske … da neben dem Baum stand der leibhaftige Grinch!
Ich war noch am Überlegen, welcher Kollege da wohl den Weihnachtsdeko-Laden geplündert und sich auch noch als Grinch verkleidet hat, als der Grinch auf mich zukommt und sich auf Erics Platz setzt.
Das, was dann in den nächsten Sekunden passiert ist, war so unerwartet und hat mich dermaßen unvorbereitet getroffen, dass ich immer noch nach Luft schnappen muss, wenn ich bloß daran denke.
Die Weihnachtsfeier am Nachmittag war großartig, die beste, die wir je hatten.
Aber es ist dieser Überrumpelungsmoment (und das, was direkt darauf folgte), der jetzt in Dauerschleife vor meinem geistigen Auge abläuft.
Und ich lass ihn immer und immer wieder abspielen und kann nicht aufhören zu schmunzeln und mich wie eine Schneekönigin zu freuen.
Alexa, spiel „All I Want for Christmas Is You“.

