Mein Opa hat immer gesagt: Wenn man den ganz großen Mist baut, braucht man auch das ganz große Gerät, um alles wieder ins Lot zu bringen.

Mit diesem klugen Spruch im Ohr bin ich vorgestern direkt nach der Arbeit zum Deko-Laden in der Stadt und hab dort mein 13. Monatsgehalt in Weihnachtskrimskrams angelegt. Je kitschiger, desto besser. Je wuchtiger, desto wertvoller für meinen Zweck.

Ich glaube, der Ladeninhaber und ich sind an jenem Abend Freunde fürs Leben geworden – er hat mir in einer Notsituation schnell und unkompliziert aus der Patsche geholfen, und ich habe ihm zum wahrscheinlich umsatzstärksten Tag des Jahres verholfen.

Nur mit einem echten Weihnachtsbaum konnte er nicht dienen. Also bin ich weiter zum Christbaumverkauf am anderen Ende der Stadt. Der hatte da nur noch ein paar winzige Bäumchen stehen … und einen richtigen Oschi – genau das, was mir vorschwebte. Gegen ein üppiges Trinkgeld hat sich der Weihnachtsbaumfuzzi schließlich bereiterklärt, die Riesentanne bis zu unserem Bürogebäude zu karren.

Zur späten Stunde haben die Jungs vom Sicherheitsdienst und ich die XXL-Nordmanntanne durchs Treppenhaus in den fünften Stock bugsiert. Natürlich musste ich auch da ein saftiges Trinkgeld springen lassen. Aber das war es mir wert.

Und wenn ich mir überlege, wie genial sich der nächste Tag entwickelt hat, war die ganze Aktion wahrscheinlich die beste Investition meines Lebens.


Gestern bin ich schon in aller Herrgottsfrühe ins Büro, damit ich alles in Ruhe dekorieren und vorbereiten konnte. Die ersten Kollegen trudelten zwei Stunden später ein.

Um acht wurde es dann ernst. Mein Herz pochte wie verrückt unter meinem Grinch-Kostüm, als ich Julie da am Eingang stehen sah. Ich wusste ja nicht, wie sie auf mein Weihnachtsdekofeuerwerk reagieren würde und ob ich damit ihre Wut ein wenig würde besänftigen können.

Ich beobachtete sie eine Weile. Sie blickte erstaunt hin und her, und ihre Augen strahlten mit jeder Sekunde mehr.

Es gab keinen Zweifel: Ihr gefiel sehr, was sie da sah. Als sie sich hinter ihren Computer gesetzt hatte, kam ich hinter dem Baum hervor und ging zu meinem Platz. Sie sah mich, also den Grinch, mit großen Augen an. An ihrem Blick merkte ich, dass sie nicht mich unter dem Kostüm vermutete, auch nicht, als ich mich auf meinen Stuhl setzte.

Bevor sie etwas sagen konnte, stand ich wieder auf und ging zu ihr hinüber. Ich kniete mich vor sie hin und nahm langsam die Maske ab.

Das war der große Moment, für den ich das ganze Spektakel veranstaltet hatte … und vor dem ich richtig Bammel hatte. Irgendwie hatte ich damit gerechnet, dass sie mir direkt eine feuert.

Aber das tat sie nicht. Sie sah mich einfach sprachlos an. Ihr Blick war schwer zu deuten: Da war Verwunderung, Staunen, aber auch eine kleine Dosis Unsicherheit.

Ich hatte mir eigentlich einen Text zurechtgelegt, aber der war in diesem Moment weg. Also sagte ich ihr einfach, dass mir die Geschichte mit dem Chef unendlich leid tut, dass es keineswegs böse gemeint war, sondern dass ich mir aufrichtig Sorgen um sie gemacht habe. Dass die vergangenen Tage mit ihr die schönsten seit Jahren waren, dass ich mich in ihrer Nähe geborgen fühle und zusammen mit ihr wunschlos glücklich bin. Dass ich die ganze Stadt festlich dekorieren würde, wenn sie mir dann noch eine Chance gibt.

Julie war immer noch still. Aus ihrem Blick sprachen nach wie vor Verwunderung und Staunen, aber der Funken Unsicherheit von eben war weg.

Inzwischen hatten die meisten Kollegen ihre Arbeit unterbrochen und schauten zu uns rüber.

Ich wusste nicht mehr, was ich jetzt noch sagen sollte, und Julie offensichtlich auch nicht. Also bin ich einfach meinem Instinkt gefolgt und … hab sie geküsst.

Für eine Millisekunde war ich sicher, dass sie mir eine runterhauen würde. Aber sie hat mich zurückgeküsst!

Mittlerweile stand die versammelte Kollegenschar um uns herum und klatschte Beifall.

Ein vollkommen surrealer, aber genialer Moment, den man hätte anhalten wollen, um ihn noch mehr auszukosten.

Die Kollegen blieben auch noch kurz an unserem Schreibtisch stehen, als erwarteten sie noch etwas. Vielleicht hat der eine oder die andere damit gerechnet, dass jetzt noch ein Heiratsantrag kommt. Zur Theatralik hätte es auf jeden Fall gut gepasst!

Durch den Rest des Arbeitstages flog ich auf Wolke sieben. Ich weiß nicht, wie’s Julie geht, aber ich kann mich nicht mehr erinnern, welche Aufträge ich eigentlich bearbeitet habe. Würde mich nicht wundern, wenn mir das Controlling im neuen Jahr den ganzen Kram zur Nachbesserung um die Ohren haut.

An die anschließende Weihnachtsfeier hingegen kann ich mich wieder bestens erinnern: Julie und ich sind keinen Moment voneinander gewichen, haben den ganzen Abend getanzt, gelacht und geknutscht.

Siri, spiel „Can’t Take My Eyes Off You“.